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Bernhard Kirschner / 1950 - 1952

Wenn man so alt wird wie ich, erinnert man sich an Orte, die für den eigenen Lebensweg von besonderer Bedeutung waren. So dachte ich an meinem 85. Geburtstag darüber nach, wann, wo und wie ich im Rheinland Fuß gefasst habe.

Bernhard Kirschner Meine Familie war 1946 aus der damaligen Tschechoslowakei in die sowjetische Besatzungszone vertrieben und im Kreis Saalfeld in Thüringen sesshaft geworden. Kurz nach meinem Abitur im Juli 1950 flüchtete ich aus Saalfeld im Alter von 19 Jahren in den Westen. Eine Adresse hatte ich im Kopf: „Köln-Poll, Rolshover Straße 587“. Ein Freund aus der Katholischen Jugend von Saalfeld hatte sie mir zukommen lassen. Er war einige Wochen vor mir aus der „SBZ“, die inzwischen „DDR“ hieß, geflüchtet und in Köln hängen geblieben. Meine Flucht aus der DDR war auch nach westlichen Vorstellungen illegal, denn ich hatte ja keine Zuzugsgenehmigung für die BRD. Auch das Reisen per Autostopp war verboten, aber bei jungen Leuten sehr beliebt. Daher wurde meine Reise von Ludwigsstadt in Bayern nach Köln am Rhein zu einer abenteuerlichen Odyssee und teilweise zu einem Versteckspiel mit der Polizei. Im August 1950 erreichte ich Köln. Die Stadt bestand noch weitgehend aus Ruinen. Ich suchte meine Adresse und fand ein Trümmergrundstück vor, das früher ein Jugendheim gewesen sein sollte. Auf mein Rufen stiegen zwei junge Männer aus dem Keller: Walter Werner, bei Kriegsende aus Schlesien vertrieben, und mein Freund Hans Schöpe aus Saalfeld, ursprünglich auch aus Schlesien. Herzlich empfingen die Beiden mich als Dritten im Bunde in ihrer „WG“. Dieser Begriff war damals aber noch nicht geläufig. Sie zeigten mir, was jetzt unsere gemeinsame Wohnung werden sollte.

Einer der noch zugänglichen Kellerräume war schon „möbliert“. Zwei Doppelstockbetten, ein Tisch und vier Stühle sowie ein Kohleherd dienten den Wohnzwecken. In einem zweiten Raum lagerten Kohle und ein großer Haufen Kartoffeln, alles bereitgestellt von Pfarrer Paul Milde. Noch am selben Tag machten mich meine Mitbewohner mit Pfarrer Milde bekannt. Er begrüßte mich herzlich als neues Mitglied seiner Pfarrgemeinde Sankt Dreifaltigkeit und der Katholischen Pfarrjugend und stimmte ohne jegliche Formalitäten meiner Aufnahme in das entstehende Wohnheim zu. Pfarrer Milde war für alles zuständig. Er war nicht nur der Gemeindeseelsorger und Bauherr der Kirchengrundstücke, für uns war er auch Heimleiter, Erzieher, Ansprechpartner und Ratgeber in allen Lebenslagen. Schon am nächsten Tag fand ich dank seiner Fürsprache Arbeit als Bauhilfsarbeiter bei der Firma Metzler, die das Gebäude wiederaufzubauen hatte. Mein erster Lohn betrug 80 Pfennig pro Stunde; er wurde nach einer Probezeit von drei Wochen auf 1 DM aufgestockt. Für mich begann eine schwere Zeit. Ich war die harte Arbeit am Bau und den Umgang mit durchweg nur in kölscher Mundart sprechenden Bauarbeitern nicht gewöhnt. Einige von ihnen ließen keine Gelegenheit aus, mich auf den Arm zu nehmen. Mobbing war damals noch ein unbekanntes Fremdwort. Im Grunde aber verbarg sich bei den meisten unter der harten Schale ein weicher Kern.

Ich befand mich jetzt in einer Schule fürs Leben. In der kleinen „WG“ mussten wir uns selbst versorgen und unsere Bedürfnisse miteinander abstimmen. Walter Werner, der älteste von uns, teilte jedem seine Aufgaben im Haushalt zu und verfasste sogar eine „Hausordnung“. Ich wurde dazu bestimmt, nach der Arbeit für uns Lebensmittel einzukaufen. Dazu gab jeder von uns pro Werktag 1 DM und für Sonntag 2 DM an mich ab. Am Ende des Monats wurde abgerechnet. Das Geld reichte, an den Arbeitstagen abends eine warme Suppe zu kochen. Sonntags gab es sogar eine richtige Mittagsmahlzeit. Kartoffeln hatten wir in ausreichender Menge, auch Wasser und Strom waren umsonst. Bald betätigte ich mich als Koch. Beliebt war mein Schweinebraten mit böhmischen Knödeln und im Herbst die süßen Zwetschkenknödel. Eine besondere Freude war es aber für uns, wenn Pfarrer Milde seine Mädchen aus der Pfarrjugend zu uns schickte, die uns beim Kartoffelschälen halfen oder eine kleine besondere Abendmahlzeit zubereiteten. Nach getaner Arbeit mussten die Mädchen allerdings unsere Bleibe wieder verlassen. Die Sitten waren damals streng. Bei den Veranstaltungen der katholischen Pfarrjugend, der wir uns angeschlossen hatten, konnten wir sie ja wiedersehen.

Mit meinen Erzählungen von damals weckte ich das Interesse meiner Frau und unserer jüngsten Enkelin (23), einmal zu schauen, was nach 66 Jahren aus diesem Haus geworden ist.

Im Internet war die Einrichtung schnell gefunden, ein Anruf brachte uns eine Einladung der Heimleitung. So machten wir uns an einem schönen Sommermorgen mit unserer Enkelin von Düsseldorf-Benrath auf den Weg nach Köln-Poll. In einer halben Stunde waren wir am Ziel. Die Umgebung des gesuchten Hauses an der Rolshover Straße hat sich gegenüber 1950 erheblich verändert. Wir fanden eine geschlossene Bebauung vor. Aber die Grundsubstanz des Gebäudes und der Eingangsbereich sind noch gut zu erkennen. An der Tür empfing uns eine freundliche junge Dame, die sich als Frau Hupke, die stellvertretende Leiterin des Jugendwohnheims vorstellte. Sie lud uns zu einer Tasse Kaffee ein, und ich konnte erzählen, in welchem Zustand ich das Haus und die Umgebung im Jahre 1950 vorgefunden und seinen Wiederaufbau miterlebt habe. Wir kamen auch auf Pfarrer Paul Milde zu sprechen, der ein sehr fortschrittlicher Priester war. Er gab uns Orientierung für unseren weiteren Lebensweg. Mit Recht wird er noch heute in der Gemeinde Sankt Dreifaltigkeit sehr verehrt.

Frau Hupke führte uns dann durch das Haus, das durch Um- und Anbauten erheblich erweitert und modernisiert worden ist. Durch die Verklinkerung der Fassade hebt sich der Altbau aber noch deutlich von dem Gesamtkomplex ab. So konnte ich erklären, wie die ersten Bewohner während des Wiederaufbaus untergebracht waren. Das Haus sollte nach seiner Wiederherstellung die Bezeichnung „Haus des Jungen Mannes“ erhalten. Und so geschah es auch. Das Wohnheim bekam einen Heimleiter (Herrn Schüller) und füllte sich nach und nach mit jungen Männern, ca. 16 bis 30 Jahre alt, die eine Bleibe in einem christlich geprägten Wohnheim während ihrer Berufsausbildung oder in den ersten Jahren ihrer Berufsausübung suchten. Ich verließ das Haus im Jahre 1952, als ich ein Studium an der Universität Köln begann und eine Studentenbude bei einem älteren Ehepaar in Bensberg fand. 1957 heiratete ich. Aus beruflichen Gründen zog ich 1961 mit meiner Frau und unseren drei Töchtern nach Düsseldorf um. Ich denke gerne an die Zeit im „Haus des Jungen Mannes“ sowie an Pfarrer Milde und die katholische Pfarrjugend in der Gemeinde Sankt Dreifaltigkeit in Köln-Poll zurück. Die Erlebnisse und Begegnungen dort haben mein Leben sehr bereichert.

Die Zweckbestimmung für das ehemalige „Haus des Jungen Mannes“ gilt im Grunde auch für das „Katholische Jugendwohnheim Bernhard Letterhaus“, wie die Einrichtung heute heißt. Allerdings ist der Kreis der Wohnberechtigten auf „junge Menschen“ erweitert, weil seit langem auch junge Frauen aufgenommen werden. Ein schriftliches Faltblatt beschreibt sehr informativ das Angebot der Einrichtung. Weitere Informationen findet man hier auf der Website.

Ich wünsche dem Jugendwohnheim, seiner Leitung und dem ganzen Personal sowie allen seinen Bewohnern eine gute, erfüllte Zukunft.